November 2006: Antwort von AVANTI auf die "FreibadheldInnen"

Zu der Kritik an Avanti - Projekt undogmatische Linke im Nachbereitungspapier der "FreibadheldInnen" zur Demonstration am 30.9.2006 in Neumünster

In einem längeren Papier, das zur Nachbereitung der Demonstration gegen den “Geburtstag"des Club 88 in Neumünster am 30.9.2006 entstand, wird Avanti - Projekt undogmatische Linke massiv kritisiert . Avanti versuche, “jegliche Diskussion über Form der Struktur (von Bündnissen) und des Protestes von vorn herein zu negieren", das Verhalten von Avanti zur Demonstration am 30.9. 2006 sei “antiemanzipatorisch und verlogen" gewesen, etc. Wir gehen nicht unbedingt davon aus, dass jede/r Leser/in dieses Papiers das Papier der Gruppe “Die FreibadheldInnen" bekannt ist und haben es deshalb auf unserer Homepage "www.avanti-projekt.de" zum Herunterladen eingestellt. Wie uns durch das Schreiben der FreibadheldInnen deutlich wurde, gehen wir vielleicht zu sehr davon aus, dass unsere politische Arbeit sich quasi „von selbst“ erklärt und als Ausdruck unserer verschiedentlich dargelegten Grundüberzeugungen und strategischen Überlegungen verstanden wird. Dabei verkennen wir offensichtlich, dass in der alltäglichen Praxis oft nur Teile unserer Aktivitäten wahrgenommen, und manchmal fehlinterpretiert werden. Im Folgenden werden wir uns nicht mit allen Aspekten des Textes auseinandersetzen. Stattdessen wollen wir die von uns verfolgten Bündnispolitik erläutern und unser Selbstverständnis der Zusammenarbeit mit anderen linksradikalen Gruppen darstellen.

Wir sind eine Organisation, die zur Zeit aus sechs Ortsgruppen in Flensburg, Kiel, Norderstedt, Lübeck, Hamburg und Hannover besteht. Da in dem Papier vor allem das Handeln der Ortsgruppe Kiel kritisiert wird, nehmen wir “KielerInnen" hier Stellung. Wir verstehen uns als revolutionäre Organisation. Als solche setzen wir uns im politischen Handeln unserer Ortsgruppen und der städteübergreifenden Arbeitsgruppen “über kurzfristige Projekte und Kampagnen hinaus strategische Ziele, an denen wir langfristig unsere Politik bestimmen." (Zitate ohne weiteren Verweis stammen aus unserem Grundsatzpapier) Überragende strategische Ziele sind für uns zur Zeit die Herstellung politischer Interventionsfähigkeit, deren Verfestigung und Ausbau durch gesellschaftliche Verankerung sowie die Schaffung, Erhaltung und Weiterentwicklung von revolutionärem und demokratischem Bewusstsein. “Gesellschaftliche Verankerung meint ... die Einbettung von Avanti in ein Netzwerk von Bündnissen und/oder Kontakten sowohl mit anderen linken (nicht unbedingt revolutionären) Organisationen als auch mit politisch interessierten und engagierten Menschen." In diesem Sinne beteiligen wir uns seit Jahren beispielsweise am „Runden Tisch gegen Rassismus und Faschismus Kiel“ und haben auch versucht, die Position antifaschistischer Gruppen im Bündnis gegen Rechts Neumünster kontinuierlich zu unterstützen. „Der Runde Tisch“ in Kiel hat unter unserer Mitwirkung mit der “Kieler Erklärung" ein eindeutig antikapitalistisches Selbstverständnis formuliert und nimmt diese Zielrichtung in seine Aktivitäten regelmäßig mit auf. Eine solche Bündnisarbeit entspricht unserer Vorstellung der Entwicklung politischer Interventionsfähigkeit und gesellschaftlicher Verankerung. Grundvoraussetzung hierfür ist die aktive Mitarbeit in verschiedenen sozialen Bewegungen, in Initiativen und Bündnissen. “Denn Verankerung entsteht zuallererst in der praktischen Zusammenarbeit, durch gemeinsame Erfahrungen in politischen Kampagnen und Kämpfen." Unsere Mitarbeit und unsere Initiativen sollen die jeweilige Bewegung voranbringen und nicht etwa unseren kurzfristigen Eigennutz in den Vordergrund stellen. Andere sollen uns als faire und verlässliche PartnerInnen in der Zusammenarbeit erleben, die ihre Positionen offen vertreten und - wo vertretbar - zu vernünftigen Kompromissen bereit sind. Dies gilt gegenüber BündnispartnerInnen aus dem bürgerlichen Lager genauso wie gegenüber solchen aus dem linksradikalen/autonomen Spektrum. Die unterschiedliche Ausrichtung und Zusammensetzung der Bewegungen erkennen wir an und bewerten sie positiv, da gesellschaftliche Veränderung nur als Auseinandersetzung um unterschiedliche Gesellschafts- und Emanzipationsvorstellungen denkbar ist.

Durch die langjährige Arbeit von Avanti und seinen Mitgliedern, insbesondere die Mitarbeit in den Strukturen, die aus den verschiedenen Bewegungen entstanden sind, verfügt Avanti oft über viele Informationen und Fachwissen. Diese Informationen teilen wir auf der Basis einer fairen Zusammenarbeit. Voraussetzung für diese ist Vertrauen und eine Verständigung über die politischen Grundlagen der Arbeit und den Einsatz der Informationen. Wir verstehen uns erklärtermaßen nicht als Dienstleister für andere Linke. Gerne Teilen wir jedoch unser Wissen und Informationen mit Personen und Gruppen, die sich an der mühseligen Arbeit der Diskussion und Informationsbeschaffung beteiligen oder in Bündnissen im gegenseitigen Vertrauen mit uns zusammenarbeiten.

Im Bereich Antifaschismus ist unsere Politik seit vielen Jahren, mit dem Aufbau breiter Bündnisse und der Entwicklung von massenhaftem zivilem Ungehorsam zur Verhinderung von Neonazi-Aktivitäten und -Aufmärschen beizutragen. Besondere Stärke entwickelte die antifaschistische Bewegung in Kiel dadurch, dass es immer wieder gelang, die verschiedensten Aktionsformen nebeneinander bestehen zu lassen, offen zu diskutieren und oftmals sogar zu koordinieren.

In der Auseinandersetzung um die Aktivitäten gegen das 10-jährige Bestehen des Club 88 in Neumünster haben wir daher versucht, das Bündnis gegen Rechts Neumünster zu stärken und den Runden Tisch für Toleranz und Demokratie der Stadt Neumünster sowie ver.di für ihre ausgrenzende Position gegenüber aktiven AntifaschistInnen öffentlich zu kritisieren. Wir hatten die begründete Hoffnung, dass sich mittelfristig aus den Resten der verbliebenen Bündnisse und Gruppen neue, stärkere gemeinsame antifaschistische Aktivitäten entwickeln lassen könnten. Dabei stand für uns im Vordergrund, zumindest mit den verbliebenen klar antifaschistisch positionierten Gruppen und Einzelpersonen eine gemeinsame Basis zu erhalten.

In dieser Situation rief eine bis dahin unbekannte Gruppe namens "FreibadheldInnen" zu einer rein autonomen Demonstration am 30.9.2006 auf. In dem Aufruf, der sich im großen und ganzen darum bemüht, autonomer Politik mit dem schlichten Mittel der Aneinanderreihung zahlreicher linker Abgrenzungsbegriffe ein eigenes Profil zu geben, und dabei seltsam inhaltsleer blieb, heißt es unter anderem: “Teile der Linken versuchten diese Jahr, wie auch in den letzten Jahren, eine neumünsterweite antifaschistische Volksfront zu etablieren. Dies ist, wie auch in den letzten Jahren, gescheitert. Es scheint sich ein Trend zur Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlich Tragenden Kräften von fast allen Parteien bis hin zu den sog. Gewerkschaften zu forcieren. Dies bewerten wir erstmal nicht als schlecht, allerdings ist dieses Konzept nur möglich bei gleichzeitiger Artikulation und Ausübung radikaler linker Politik. Doch diese linke Volksfront-Mentalität hat oftmals zu einer Verwässerung dieser von der Wurzel an strukturierten Politik geführt."

Der Aufruf zu einer Rückkehr zu einer “von der Wurzel an strukturierten Politik“ bei gleichzeitiger Beschimpfung der Gewerkschaften als “sog.“ kann nur als eine offene Absage an die Zusammenarbeit mit anderen antifaschistischen Kräften verstanden werden. Dies widerspricht unserem Verständnis antifaschistischer Arbeit. Für uns liegt Radikalität nicht in der isolierten und ausgrenzenden Propagierung der eigenen politischen Identität, sondern im gemeinsamen Aufbau gesellschaftlicher (in diesem Fall: antifaschistischer) Gegenmacht. Aus diesem Grunde hat Avanti den Demonstrationsaufruf nicht unterstützt. Ausdrücklich weisen wir darauf hin, dass wir weder öffentlich noch im privaten Kreise auf Interessierte mit dem Ziel eingewirkt haben, sie von der Teilnahme abzuhalten. Selbstverständlich haben allerdings einzelne von uns in Diskussionen zu den Ereignissen in Neumünster unsere Position vertreten.

In dem jetzt vorliegenden Papier der “FreibadheldInnen" wird uns unterstellt, wir hätten die Demonstration nicht unterstützt, weil in dem Aufruf “Informationen zu Nazis und deren Strukturen (mit einem) Diskussionsbeitrag zum autonomen Antifaschismus verknüpft" wurden. Avanti bevorzuge statt dessen “inhaltsschwache Mobilisierungen mit Phrasen und wenig politischer Auseinandersetzung und Analyse." Inhaltsschwach war aber vor allem der Demonstrationsaufruf der „FreibadheldInnen“. Die in dem Aufruf enthaltenen Informationen zu Nazis und deren Strukturen sind seit langem bekannt und vielfach veröffentlicht. Den vor allem an die Szene gerichteten Aufruf lesen wir nicht als politische Analyse, die in sinnvoller Weise mit dem Thema der Demonstration verknüpft ist, sondern als eine bloße Aufzählung von (vermeintlichen) Grundlagen autonomer Politik. Was diese Aussagen in einem Aufruf zu einer Antifa-Demonstration zu suchen haben, ist uns nicht nachvollziehbar - so wird von vornherein ausgeschlossen, dass der Aufruf antifaschistisch eingestellte Menschen, die sich nicht selbst als Autonome begreifen erreicht, jegliche Form erfolgversprechender antifaschistischer Zusammenarbeit, geschweige denn gesellschaftlicher Verankerung oder politischer Interventionsfähigkeit von vornherein verbaut.

Nochmals: Für uns ist es wichtig, dass antifaschistische Politik auch immer die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse in den Blick nimmt, die etwa das Erstarken der Nazis erst ermöglichen - das sollte etwa unsere Beteiligung an der bundesweiten Kampagne “NSVerherrlichung stoppen!" zeigen, die Nazi-Großaufmärsche in den Kontext deutscher Geschichtspolitik, deutscher “Normalisierung" und expansiver Außenpolitik stellt und die das langfristige Ziel hat, sowohl die Nazidemos zu verhindern als auch diesen gesellschaftlichen Verhältnissen etwas entgegenzusetzen. Eine solche Verknüpfung von antifaschistischer Politik mit gesellschaftlichen Analysen setzt aber eben den Willen zur offenen und selbstkritischen Auseinandersetzung mit diesen Themen voraus, nicht eine bloße Aufzählung linker Befindlichkeiten.

Avanti ist entstanden aus der autonomen Bewegung der 80er Jahre, die einige von uns jahrelang mitgeprägt hatten. Eine der Lehren, die wir aus den Erfahrungen der autonomen Bewegung (die damals inhaltliche Grundlagen beispielsweise in der Anknüpfung an die italienische ArbeiterInnenautonomie hatte) gezogen haben, war die Entscheidung, uns zu organisieren. Wir haben diese Entscheidung konsequent vorangetrieben. Wie alle anderen Linken haben auch wir den Niedergang linker Bewegung seit 1989 erlebt. Weil wir uns organisatorische Strukturen und inhaltliche Grundlagen geschaffen haben, konnten wir unsere Strukturen aufrechterhalten, auch wenn viele unserer Hoffnungen sich nicht erfüllt haben. Große Teile der radikalen, insbesondere der autonomen Linken sind heute zersplittert und politisch in inhaltsleerer Symbolik verhaftet. Dies blockiert auch unsere Arbeit. Natürlich wünschen wir uns eine lebendige Zusammenarbeit und einen intensiven Austausch und eine gemeinsame Arbeit mit kontinuierlich arbeitenden Linken. Insofern rufen wir alle Menschen, die ein Interesse an der Fortentwicklung linker Politik und linken Widerstands haben, dazu auf, sich zu organisieren und die Grundlagen für eine solche Arbeit zu schaffen.

Avanti – Projekt undogmatische Linke Kiel – Dezember 2006