November 2006: Text der Gruppe ZUNDER

SPRUNG INS KALTE WASSER!

Eine Reaktion auf den Text der FreibadheldInnen – und ein Aufruf an den Rest.

*** Eines vorweg an die FreibadheldInnen

Euer Text wirkt so, als wolltet ihr euch in erster Linie auskotzen; Ihr schreibt zwar, ihr wolltet Niemandem vor den Kopf stoßen, doch Eure (in vielen Punkten von uns geteilte) Kritik an dem Zustand der autonomen Bewegung in Schleswig-Holstein kommt teilweise so unsachlich und von oben herab daher, dass sie vielleicht nichts anderes erreicht! Sicher habt ihr Eure Gründe, Euch über Avanti zu ärgern, aber Einschübe wie „wenn sie sich noch als Teil (der radikalen Linken) (…) versteht“ könntet ihr euch echt sparen! Und wenn ihr einen – wie auch immer gearteten – Sexismusvorwurf öffentlich macht, dann doch bitte nicht als ausgekotzter Nebensatz, sondern so, dass der/die LeserIn die Chance hat, ihn nachzuvollziehen.
Wir als eine Gruppe aus „der selbsternannten radikalen Linken in SH“ (Wer hat euch denn eigentlich „ernannt“? Oder versteht ihr euch nicht als radikale Linke?) beschäftigen uns aber mit ähnlichen Fragen wie ihr in eurem Text und geben hiermit einen Beitrag in die (hoffentlich von euch  angeschobene) Debatte. Und gemeckert über euern Text haben wir hiermit auch genug, prinzipiell finden wir es super, dass endlich mal jemand diese Fragen anspricht.

*** Die Situation der radikalen Linken – Blues oder Stagediving

Einige von uns gehören zu einer Generation, deren politische Sozialisation vom Niedergang der radikalen Linken geprägt war: Im Laufe der 90er verlor unsere Ideologie/Utopie nach dem Überrolltwerden durch die deutschnationale Welle im Zuge der „Wiedervereinigung“ und dem Zusammenbruch des „realexistierenden Sozialismus“ ihre AnhängerInnen. Nahezu alle Gruppen und Zusammenhänge der 80er und frühen 90er lösten sich auf und auch unsere Mobilisierungsfähigkeit nahm kontinuierlich ab: Gelang es Mitte der 90er noch regelmäßig tausende von Menschen zu linksradikalen/antifaschistischen Anlässen zu mobilisieren (1), war dies Ende der 90er kaum noch möglich. Wir können uns noch gut an Naziaufmärsche z.B. in Hamburg erinnern, wo es uns in mehreren Wochen Vorbereitungszeit gelang, gerade mal 200 Menschen oder weniger zu Gegendemonstrationen zu mobilisieren.
Die Zeiten haben sich geändert: Nicht nur die hamburger Bambule, sondern auch die wieder sehr groß gewordene Mobilisierungsfähigkeit der autonomen Antifa, die Proteste gegen Studiengebühren zumindest in Teilen der BRD unter deutlich linksradikalen Vorzeichen und einiges mehr beweisen das vorhandene rebellische Potential, trotz einem immer erdrückenderen deutschnationalen Fahnenmeer und einem immer undemokratischeren, repressiveren deutschen Staat.

*** Aber!

– und damit kommen wir zurück zu den FreibadheldInnen – eine Richtung hat dieses Hoffnung machende Potential nicht wirklich, und bei den organisierten Strukturen sieht es nicht besser aus als Ende der 90er: Es gibt zwar landes- und bundesweite Strukturen, die durchaus  kontinuierlich arbeiten und auch bundesweite Kampagnen tragen können, die aber oftmals Gefahr laufen die vorhandene Energie für die Arbeit in den Vorbereitungskreisen draufgehen zu lassen, so dass die arbeitsüberlasteten und personell unterbesetzten tragenden Gruppen es nicht mehr angemessen schaffen, die bundesweite Struktur in der eigenen Region wahrnehmbar zu machen und lokal zu verwurzeln.
So bleiben sie hauptsächlich themengebunden und sind mit sich selbst beschäftigt, arbeiten oft nur auf ein bestimmtes Datum hin und das nebeneinander her. So haben z.B. die Wunsiedel- („NS-Verherrlichung stoppen“) und die Mittenwald-Vorbereitungszusammenhänge leider sowohl personell als auch organisatorisch wenig miteinander zu tun, obwohl sich zusammen vielleicht mehr erreichen ließe. (Es fühle sich da niemand angepisst, die Kampagnen haben auch so überdurchschnittlich gute Arbeit geleistet und entsprechende Erfolge erzielt).
Außerdem funktioniert die Vernetzung zwischen den lokalen Zusammenhängen meist schlecht – in Kiel beispielsweise gibt es durchaus einige Antifazusammenhänge und einen großen Dunstkreis sich als linksradikal verstehender Leute, aber diese machen alle eher ihr eigenes Ding und zusammengesetzt wird sich meist nur vor anstehenden Großereignissen wie Naziaufmärschen, dann verschwinden wir wieder in unseren eigenen Plenums-Räumen, VoKüs oder WGs.
Darüber hinaus genügt es den meisten unserer GenossInnen tatsächlich „dazuzugehören“: Der Besuch der richtigen Konzerte und Parties, das Anziehen der richtigen Klamotten und die Teilnahme an politischen Ereignissen wie Demos und Aktionen gehört zum Szenealltag, strategisch und geplant Politik zu machen, inhaltlich zu diskutieren oder gar Verantwortung zu übernehmen ist dagegen eher weniger angesagt (2). So verkommt das „autonom sein“ zu einem unreflektiertem Kosumverhalten. Oft verwendete Schlagworte, Parolen und Verhaltensweisen werden unhinterfragt übernommen und nicht mit Inhalt gefüllt. Eine Demo ist ein Erfolg, wenn’s möglichst dollgeknallt hat und bei indymedia ein paar Bilder mit rennenden Vermummten veröffentlicht werden können! Ansonsten besteht halt die Gefahr, dass Langeweile aufkommt…

Militanz verkommt hier schnell zu einem reinen Selbstzweck. Die Analyse der politischen Auswirkungen verschiedener Aktionsformen und deren entsprechender Nutzung ist alleinige Sache der jeweiligen Organisierenden. Viele von uns genügen sich tatsächlich damit „autonom zu sein“ und sich damit als etwas Besseres zu fühlen als der „Spießer von nebenan“, den mensch auch argwöhnisch beäugt wenn er sich in die eigene Lokalität verirrt. Die FreibadheldInnen nannten dieses Sich-Einrichten in seinem Szene-Ghetto „linke Popkultur“.

*** Und die Inhalte?

Vor diesem Hintergrund laufen viele linke Mobilisierungen auf inhaltlich eher schwachem Niveau. Das ist nicht (nur) ein Avanti-Phänomen sondern findet sich auch dort wieder wo eine Antifa-Mobilisierung nicht viel mehr zu bieten hat als die Parole „Faschismus ist keine Meinung sondern ein Verbrechen“ und ein Spiderman-Bild. Warum hat sich eigentlich nur eine halbe handvoll von uns mit dem bundesweiten „Tag der Einheit“ in Kiel beschäftigt? Und damit, dass die ehemals als links wahrgenommene „Pumpe“ Werbeflyer in schwarz-rot-gold drucken ließ, niemand? Und warum können tausende von Leuten gegen Schills Sauereien demonstrieren, aber bei ähnlichen Sauereien eines CDU-Senates kaum jemand?
Brauchen wir platte Hypes und Protestwellen auf denen wir „mitschwimmen“ können, ein „personifiziertes (und somit vereinfachtes) Böses“ wie einen George Bush oder eine Gruppe Naziglatzen um den Arsch hochzukriegen?

*** Wir wollen mehr!

Die oben beschriebenen Zustände sind nicht deshalb so bitter weil alles keinen Sinn hat, sondern eben weil uns unser Mobilisierungspotential wieder Hoffnung macht: Die Zeiten schreien nach der Formulierung linker Utopien und schlagkräftiger Organisierung!
Die hamburger Bambule hat gezeigt welche Wucht linke Mobilisierungen auch in dieser beschissenen Zeit entfalten können: Bambule wurde von vielen GenossInnen als Befreiungsschlag empfunden: Für einige Wochen schien alles möglich zu sein, wir waren viele, auch von tausenden von Bullen nicht zu stoppen, zogen alle an einem Strang und wollten alles. Zumindest gefühlt…

*** Wir wollen alles!

Wieso ließ sich an Bambule und andere große Mobilisierungen der letzten Jahre nicht so richtig anknüpfen? Die Gegenseite sagt weil die „erlebnisorientierten Jugendlichen“ (Polizei Hamburg) halt „plötzlich da“ und ebenso plötzlich wieder weg wären. An dieser Aussage ist sicher etwas Wahres dran, obwohl wir die Meinung es wäre nur das „Erlebnis“ gewesen was Bambule stark gemacht hat natürlich nicht teilen. Die Leute gehen schon auf die Strasse weil sie ein politisches Bewusstsein haben: Die hunderte von (jungen) Leuten aus S-H die im Oktober in Hamburg-Wandsbeck auf die Strasse gegangen sind, haben es nicht (nur) wegen des Erlebnisses getan, sondern aus dem Bewusstsein heraus dass es notwendig ist gegen Neonazis vorzugehen. Trotzdem gelingt es den meisten von uns nicht sich (in Gruppen) zu organisieren und sich kontinuierlich regional und überregional zu vernetzen. Dazu kommt dass es für viele organisierte  Zusammenhänge (wenn nicht gerade Bambule ist wo „mitgeschwommen“ werden kann) irgendwie einfacher zu sein scheint halt „das zu machen was sie immer machen“ (nämlich Szenepolitik für die Szene, wahlweise mit vielen tollen Bildern von Vermummten, Arbeiterklasse-Romantik oder am besten mit Fixierung des Blickes auf vergangene oder weit entfernte „glorreiche Kämpfe“). Es gilt strategisch zu planen und flexibel dort Politik zu machen, wo es uns weiterbringt: Hier und jetzt, aber trotzdem umsichtig und dem Bewusstsein um unsere Geschichte und ihrem globalen Charakter. Es gilt einen Weg zwischen  (anlassbezogener) „Feuerwehrpolitik“ die nur mit flachen Parolen arbeiten kann und dem alten linken Sektierertum zu gehen

*** Was wir wollen...

... ist eine starke revolutionäre Bewegung:

-> ohne betonierte Wahrheit und Tunnelblick ´a la SAV o.Ä.

-> und mit dem Schwung und der aktionistischen Beweglichkeit von Bambule aber getragen von organisierten Zusammenhängen.
Auch wir haben Kritik an Avanti – sowohl inhaltlich als auch praktisch, die wir auch gewillt sind zum gegebenen Zeitpunkt zu äußern (3). Wir haben aber keine Lust, sie zu unserem bestimmenden Thema zu machen: Entweder mensch entscheidet sich für eine mehr oder weniger enge Zusammenarbeit, oder mensch sucht sich seine Bündnispartner woanders. Sicher trägt Avanti seine Positionen nicht nur in die Öffentlichkeit sondern auch in die Bündnisse, dass sie aber viele Bündnisse und Treffen „dominieren“ liegt aber wohl weniger an ihrer Machtgeilheit, als daran, dass sie halt mittlerweile fast die einzige kontinuierlich arbeitende Gruppe in S-H sind (wie die FreibadheldInnen ja richtig bemerkten).
Wenn sich bei der Vorbereitung zur Antifa-Demo am 1. April in Lübeck einzelne Avanti-„ExpertInnen“ hinstellen und auf  Mobilisierungsveranstaltungen ihr Non-plus-Ultra Blockadekonzept vorstellen, ist das natürlich schon mal prinzipiell blöde. Wenn der Großteil des Publikums sich dieses –vielleicht gar nicht so falsche- Konzept lediglich anhört, nicht mal nachfragt, geschweige denn ein Parallelkonzept oder eigene Inhalte einbringt, ist das Dilemma der autonomen Linken perfekt.
Dies gilt es tatsächlich zu ändern: Wir wollen eine starke autonome Position und Organisation in S-H, nicht gegen, aber neben Avanti. Und wie lautet doch ein alter Spruch: „Don`t murn, organise!“

*** Mit solidarischen, kämpferischen Grüßen,
Gruppe Zunder (Kiel) --- zunderkiel@yahoo.de


*** Abschließend noch der Aufruf an die ehemaligen FreibadheldInnen, sich wie angekündigt, in welcher Form auch immer, der Debatte nicht zu entziehen und aufgeworfene Fragen zu klären. Alles andere wäre, Euch an Eurem Text gemessen, unglaubwürdig. Auch die Positionen von allen anderen Gruppen, insbesondere die vom Avanti-Projekt, würden uns sehr interessieren!


(1) Wir trauern den Zuständen aber nicht hinterher. Die Fehler der damaligen Bewegung haben schließlich unter anderem zu den heutigen Zuständen geführt. Vielmehr sollten sie Lernprozesse für die heutige Bewegung hervorbringen.

(2) Eine positive Ausnahme stellt hier sicherlich die Organisierung von kulturellen Veranstaltungen dar. So sind in der Alten Meierei seit der erkämpften Wiedereröffnung im Juni 2006 mehrere neue Gruppen entstanden, die die Meierei wahrscheinlich so lebendig und vielseitig wie nie zuvor gestalten. Bezeichnenderweise ist dies sicherlich der Bereich autonomer Politik, wo eine inhaltliche Auseinandersetzung über einen Grundkonsens hinaus am wenigsten zwingend erforderlich ist. Und wenn mensch die Beteiligung einiger VeranstalterInnen an der Organisierung  des Gesamtprojektes Meierei betrachtet, zeichnet sich leider die gleiche Konsumhaltung und ein ähnliches Nebeneinanderherköcheln ab, wie in   anderen Bereichen.

(3) Um das zumindest in einer Fußnote zu erwähnen: Die Bezeichnung der Antifa-Demo in NMS als „unpolitische Trotzreaktion“ von einigen Avantis ist schon recht abenteuerlich. Wenn es lediglich trotzig ist in einer braunen Stadt gegen Nazis zu demonstrieren, weil es aufgrund der Zerstrittenheit des „linken Lagers“ und den Kräfteverhältnissen in der Stadt frustig ist, dann ist jedwede linksradikale Politik heute eine „unpolitische Trotzreaktion“. Die Revolution ist nicht so bald zu erwarten, ist es deshalb sinnlos und falsch heute eine revolutionäre Fahne zu tragen?