November 2006: Text der "FreibadheldInnen"

Nachbereitung der Demonstration am 30.09.06 in Neumünster/Diskussionspapier/ Auflösungserklärung.

Die FreibadheldInnen. November 2006

Liebe GenossInnen und AntifaschistInnen,

 

wir sehen die Demonstration am Tag des Jubiläums des sog. Club 88 als gelungenen antifaschistischen Protest. Gelungen daher, dass an diesem Tag jede Aktion den Effekt hätte, die Lethargie der Neumünsteraner Bevölkerung und der radikalen Linken in Schleswig Holstein punktuell aufzubrechen. Des weiteren war unserer Einschätzung nach auch jede Aktion mit dem Risiko massiver Eskalation durch Nazis und/oder der Polizei verbunden, daher verstehen wir auch teilweise das Zurückziehen des Antifa Konzerts in der Aktion Jugendzentrum.
Die während der Vorbereitung der Demo entstandenen Konflikte mit einzelnen neumünsteraner Genossen bedauern wir. Wir sehen diese Konflikte aber auf politischer Ebene, also auf den Ebenen der Kultur politischer Zusammenarbeit und der Kommunikation, und nicht auf persönlicher Ebene von zwei oder mehr Einzelpersonen.
Im gleichen Zuge, wie wir uns mit der AJZ und den organisierten Autonomen in Neumünster solidarisieren, so wenden wir uns gegen den Runden Tisch für Zivilcourage und Toleranz. Dieser hat massiv antifaschistische Arbeit in Neumünster be- und verhindert. Mitglieder dieses „Bündnisses“ arbeiten offensiv und aggressiv gegen antifaschistische Gruppen und Einzelpersonen, die außerhalb der staatsbürgerlich akzeptierten Organisationsformen politisch arbeiten. Dabei werden gezielt autonome Handlungs- und Argumentationsmuster entpolitisiert und unsachlich diskreditiert. Ziel ist u.a. Autonome KommunistInnen und AnarchistInnen zu kriminalisieren und heraus zu drängen, aber vorrangig steht wohl die Legitimation des eigenen staatsbürgerlichen Verhaltens/Ideals. Das bedeutet, dass alle, die sich nicht im Rahmen des kollektiven politischen Kultur-und Wertverständnis und den Institutionen im bürgerlich kapitalistischen Staat bewegen, keine PartnerInnen für ein Zusammenarbeit darstellen. Wird dieser Gedankengang fortgesetzt, ist auch die Existenz autonomer Organisation illegitim.
Im Rahmen der Vorbereitung trat neben den „FreibadheldInnen“, dem Runden Tisch und neumünsteraner autonomen AntifaschistInnen noch ein Akteur auf: „Avanti“ das so genannte „Projekt undogmatische Linke“

Alleine Nachts im Freibad

Wir sehen die Entwicklung von Avanti und deren Einfluss auf die Norddeutsche Linke mit zunehmender Skepsis. Avanti scheint für die Öffentlichkeit das einzige wahrnehmbare und kontinuierlich arbeitende Kollektiv innerhalb der selbst ernannten radikalen Linken in Schleswig- Holstein zu sein. Mitglieder von Avanti sitzen in allen für die „Szene“ wichtigen Projekten, in virtuellen sowie in physischen Netzwerken. Damit haben sie eine besondere Stellung in der Linken in Norddeutschland erreicht. Ein Kollektiv von verschiedenen Ortsgruppen, mit einheitlichem Programm und einheitlicher Struktur, hat sich in allen Teilen der Linken, sowie in bürgerlichen Netzwerken prägnant etabliert. Damit sind weitreichende Macht- und Informationsströme verbunden und gesammelt in einer in sich geschlossenen Gruppe von Personen. Aufgrund des Einfluss und den Informationsmöglichkeiten hat Avanti eine große Verantwortung gegenüber sich und der radikalen Linken, wenn sie sich noch als Teil dieser versteht.

Sprung vom Dreier

Das Grundsatzprogramm von Avanti enthält viele wertvolle und interessante Ideen für die Strukturierung von revolutionärer Politik und ermöglicht die Partizipation an linksradikalen Kämpfen. Gerade dieses Grundsatzprogramm ermöglicht eine Überprüfung der Zielvorstellungen,welche in diesem und der realen Politik der Avanti Gruppen enthalten sind.
Wir sprachen bisher und werden auch weiterhin von einem Avanti Kollektiv sprechen. Denn trotz der Organisierung in Ortsgruppen tritt Avanti als ein geschlossenes Kollektiv in der („Szene“) politischen Öffentlichkeit auf. So werden eher linksradikale Strukturen der Zersetzung freigegeben anstatt einen offenen Diskurs zuzulassen und zu partizipieren. So hat sich Avanti z.B. strikt hinter ein Mitglied, dass die Definitionsmacht über sexualisierte Gewalt anzweifelte, gestellt, obwohl mit dieser Solidarisierung und der, ihrer Programmatik widersprechenden, politischen Begründung, ein funktionierendes Netzwerk zerstört wurde.
Gerade in der Vorbereitung der Aktionen gegen den kommenden G8 Gipfel wirkt Avanti an Bündissstrukturen, sowohl bundesweit als auch lokal mit. Dabei fällt vor allem die taktische Vorbereitung auf. Bundesweit hat Avanti, als Teil der sog. Interventionistischen Linken, starken Einfluss auf die Mobilisierung. Diese dominante Stellung versuchen sie ebenfalls in den bürgerlichen lokalen Netzwerken zu manifestieren, so geschehen z.B. in Kiel.

Anstatt Diskurse in linken und bürgerlichen Bündnissen anzustrengen und Aktions- und Argumentationsmuster zu entwickeln, wird versucht, Proteste zu inszenieren. Es wird schnell ein Konzept für eine Protest- und Mobilisierungsform von Avanti in die sich noch am Anfang befindende Diskussion eingeführt, und somit versucht, jegliche Diskussion über Form der Struktur und des Protestes von vornherein zu negieren. Dabei findet sich vor allem „Bürgernähe“ in dem Konzept wieder. Es wird nicht versucht in ein Bündnis zu intervenieren und linke Inhalte zu diskutieren. Es wird nur stetig versucht, die Avantilinie in die radikale Linke hereinzutragen, um Diskurse zu verhindern oder zu dominieren.

Gefährlich für soziale Bewegungen ist die Kanalsisierung des Protestes/Widerstandes in einen parlamentarischen Rahmen. Denn mit dem entstehen von Parteien aus Bewegungensstrukturen kommt die Bewegung selber meist in eine strukturelle Krise. Parteien haben andere Aktionsmöglichkeiten und vor allem Beschränkungen in praktischer Straßenpolitik. Aus der Bewegung werden maßgebliche Kräfte für die Partei rekrutiert und die vorherige breite Struktur in eine hierarchische Bürokratie verwandelt. Damit ist jegliche Breite, Offenheit, Kreativität und Basisdemokratie zugunsten eines Bürokratieaparates beseitigt.
Diese Handlungsmuster und Position einer Partei sind der Avanti-Politik mehr als ähnlich. Es ist in S.-H. nur schwer möglich Politik ohne Avanti zu machen. Mit den Wissensbeständen und Einflussmöglichkeiten hat Avanti eine Art Bürokratie errichtet. Es werden nur sporadisch bzw. nach eigenem Gutdünken Informationen in die „Öffentlichkeit“ gegeben und Projekte ohne Avanti „Szene“- intern diskreditiert. Avanti scheint sich als politische Elite innerhalb der radikalen Linken in S.-H. zu etablieren, ausgestattet mit Zugang zu Wissen/Informationen, weitreichenden Netzwerken und einer mittelfristigen Strategie. Daher muss überprüft werden was Avanti eigentlich ist, denn revolutionäre Organisierung muss erkennen, wann Selbsterhaltung und Einflusssicherung wichtiger ist, als emanzipatorische Politik. Dann ist sie nämlich als revolutionäre Organisierung gescheitert.

Back to Neufinster

Wir fanden und finden das Verhalten von Avanti bezüglich unserer Demonstration in Neumünster antiemanzipatorisch und verlogen. Avanti hat unsere Aktion als unpolitisch und als Trotzreaktion diffamiert. Dies geschah natürlich nicht offen schriftlich, sondern nur auf Antifa-Treffen und wurde scheinbar als Losung an die (Kieler) „Szene“ gegeben. Erschreckend war, dass dieses Verhalten unreflektiert von einigen übernommen wurde. Möglicherweise lag das destruktive Verhalten auch an unserem Aufruf zur Demonstration. Dieser war bewusst nicht als 08/15-Nazis-sind-doof Nummer angelegt. Mit Informationen zu Nazis und deren Strukturen war ein Diskussionsbeitrag zum autonomen Antifaschismus verknüpft. Wir finden es wichtig sich mit linken Inhalten auseinander setzen zu müssen und dies ist nicht im kurzen Überfliegen von inhaltsschwachen Texten möglich. Denn mit der strukturierten Beschäftigung wachsen auch der politische Horizont und die politischen Möglichkeiten. Avanti hingegen pflegt gerne inhaltsschwache Mobilisierungen mit Phrasen und wenig politischer Auseinandersetzung und Analyse, damit wird Kritik und Reflexion aus dem Weg gegangen und Protest als rein symbolische Inszenierung etabliert.

Nichtschwimmer/“Wir haben gelogen als wir sagten es wird leicht...“

Es geht hier nicht darum, Schuld zu verteilen und Sündenböcke zu suchen. Denn der Raum den Avanti besetzt, wurde erst von der autonomen Linken geschaffen. Wir als radikale Linke aller Couleur haben es nicht geschafft eigene politische Ideen zu diskutieren und zu formulieren, um damit reale emanzipatorische Politik zu gestalten. Ein Großteil der radikalen Linken lebt zwischen autonomer Popkultur, DrogenMISSbrauch und Lethargie. Die Möglichkeit für Gruppen wie Avanti, so massiv Raum einzunehmen ist nur da, wo Menschen sich nicht mit dem auseinander setzen, was sie antreibt, nämlich mit ihren Denk- und Handlungsmustern. Für viele hat sich „autonom sein“ zu einem rein identitären Faktor entwickelt. Die bloße Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe reicht vielen aus. Damit verbunden sind bestimmte Dresscodes und die oberflächliche Übernahme von Handlungs-und Argumentationsmustern. Frei nach dem Motto „Hasst du was bist du was“.... Anstelle von Diskussion und inhaltlichem Fortschritt sind autonome Plena in S.-H. mehr von Schweigen, fehlender Kreativität und, wenn's hoch kommt, noch von männlichem Dominanzverhalten bestimmt. Aktionen und Aufrufe bewegen sich auf wenig inhaltlichen Füßen und dafür mehr auf reiner Symbolik und pseudomilitanter Rhetorik/Auftreten. Wenn es aber darum geht, Verantwortung zu übernehmen, bricht alles weg, egal ob es um organisatorische- oder repräsentative Aufgaben gegenüber Staat und Gesellschaft geht. Dabei muss gerade in revolutionären Organisationen und in einer (post)revolutionären Gesellschaft Verantwortung verlässlich übernommen werden. Ansonsten werden sich schnell Hierarchien bilden, in denen Verantwortung klar verteilt ist an Menschen, die diese tragen wollen. Damit wird Verantwortung zu einem wichtigen Faktor autonomer Organisierung und Politik.

„Am Ende bin ich nur Ich selbst“/“Der Fehler im System hier fordert ne Entscheidung“

Genau dies ist der Punkt an dem es anderen leicht fällt mit Autonomen zu kalkulieren und sie zu instrumentalisieren. Denn es sollte nicht eine Kultur übernommen werden, weil sie populär ist , sondern es soll eine Bewegung mit Mündigen und selbstbestimmten Menschen erreicht werden. Damit einhergehend ist das ständige in Frage stellen der eigenen Werte, Normen und Handlungsmuster. Wer Wahrheit anbietet der lügt. Es geht hier nicht um Selbstzerfleischung sondern um Diskussion in Wort, Bild und Tat.....

also, „Rechnerisch noch alles möglich“/ Autonomie organisieren?!

Wir möchten mit diesem Text Denkanstöße bieten und nicht Menschen vor den Kopf stoßen.
Wir möchten Räume öffnen und nicht Felder schließen.
Wir hoffen ihr bedenkt das in Diskussionen, Stellungnahmen und Taten.

Das war's mit der Stellungnahme, der Nachbereitung und den FreibadheldInnen....
Das Vorbereitungskollektiv für die Demonstration am 30.09.2006 löst sich ab sofort auf....
Wir wollen und werden uns der Diskussion rund um Linke Strukturen nicht verweigern oder entfliehen...
Allerdings sehen wir diese Diskussion nicht als unser alleiniges Anliegen an, sondern als Sache der Bewegung. Dementsprechend muss die Bewegung nun sehen, ob dieser Text in Archiven verschwindet, oder Anstoß für Debatte wird.

„Wir sehen uns heut' Nacht auf dem 3-Meter-Brett“

Eure FreibadheldInnen KI,NMS,HH