analyse&kritik, Oktober 2009: Das große Avanti-Geburtstagsinterview

Die gelbe Gefahr

Das große Avanti-Geburtstagsinterview

Happy Birthday, Wirtschaftskrise? Happy Birthday, Mauerfall? Happy Birthday, Deutschland? Alles Käse! Es gibt besseres: Avanti - Projekt undogmatische Linke, die MoinMoin-Truppe aus dem hohen Norden, wird 20. "Ein geradezu methusalemhaftes Alter für eine linksradikale Gruppe" - wie Avanti selbst und völlig zu Recht in ihrer Einladung zu den Geburtstagsfeierlichkeiten schreibt. Da ak sowohl in der Interventionistischen Linken als auch bei der Zeitungsproduktion oft und gern mit Avanti-Mitgliedern zusammenarbeitet, nutzen wir die Gelegenheit zu einem Geburtstagsinterview. Über 20 Jahre überregionale linke Politik, aktuelle und vergangene Projekte sprachen pp. und mb. mit VertreterInnen des inzwischen Mehrgenerationenprojekts. Happy Birthday, Avanti


ak: Ah, ihr habt euer Grundsatzprogramm dabei, wie praktisch. Dann könntet ihr ja gleich eure Lieblingssätze zitieren.

 

H.: Sicher, einiges können wir ja auch auswendig! Wie etwa die Präambel von 1988, die ist bei uns immer präsent ...

 

... und unverändert wahr?

 

H: Unverändert! Ich zitiere: "Die Perspektive sehen wir nach wie vor darin, dass zunächst in Schleswig-Holstein und später auch darüber hinaus sich weitere Gruppen gründen, mit denen wir nicht nur das Ziel, sondern auch die Arbeitsweise gemeinsam haben. Mit ihnen werden wir eine revolutionäre Organisation bilden. Diese wiederum wird gemeinsam mit anderen Organisationen hoffentlich rechtzeitig in der Lage sein, die Frage Sozialismus oder Barbarei endlich auch in der BRD positiv zu entscheiden. Dies ist ein langjähriger und schwieriger Weg, aber einen anderen gibt es nach unserer Überzeugung nicht."

 

Eigentlich wollten wir damit beginnen, euch zu gratulieren, dass ihr so lange durchgehalten habt. Wie fühlt man sich denn so mit 20?

 

E: Meine erste Assoziation: Ich verbinde mit diesen vielen Jahren eine gewisse Sicherheit. Uns zerhaut es nicht so schnell. Das ist auf jeden Fall etwas, worauf ich baue - politisch.

H: Die Gruppe hat sich über die Jahre einen Namen gemacht. Avanti ist vielleicht nicht die beste Organisation, wenn es darum geht, junge Leute politisch zu integrieren, aber es kommen viele GenossInnen mit Erfahrungen aus anderen politischen Zusammenhängen. Sie verbindet die Kritik an der Unstetigkeit und der periodischen Neuzusammensetzung von Gruppen und damit auch Debatten und Erfahrungen. Dass wir es geschafft haben, Debatten und personelle Strukturen über so einen langen Zeitraum zu festigen, ist für mich anlässlich unseres 20-jährigen Jubiläums der große Grund zum Feiern.

 

Wie kommt man 1989, in diesem Jahr, das für viele Linke ja auch einen Bruch bedeutet hat, auf die Idee, so einen Organisierungsansatz zu starten?

 

F.: Die Idee dazu war ja bereits lange vorher entstanden. Die Frage wäre vielleicht eher: Warum hält man daran fest? Für die meisten, die damals mit diskutiert haben, war klar, dass es angesichts der historischen Ereignisse umso mehr darauf ankam, jene zu sammeln, die an einer sozialistischen oder gar kommunistischen Utopie festhalten wollten. Und ein organisierter und organisierender Rahmen schien uns geeignet, dies zu tun sowie die in den politischen und sozialen Kämpfen gemachten Erfahrungen auszuwerten und festzuhalten, damit sie nicht mit der Generation, die sie gemacht hat, untergehen.

Die Wurzeln von Avanti liegen in der autonomen Bewegung der späten 1970er und frühen 1980er. Schon 1983 hat ein Kreis von Leuten, aus dem später die Avanti-GründerInnen hervorgingen, in einem Diskussionspapier an den autonomen Mobilisierungen kritisiert, dass sie den dabei politisierten Menschen kein dauerhaft radikales politisches Handeln ermöglicht. Wir meinten damals, dass man die Entwicklung eigener, verbindlicher und - notwendig - arbeitsteiliger Strukturen angehen muss. Zwar gab es dann vereinzelt Diskussionen über Organisierung und Organisationsstrukturen, die jenseits autonomer Unverbindlichkeit einerseits und K-Gruppen-Autoritarismus andererseits liegen sollten. Aber vor der praktischen Umsetzung scheute die autonome Bewegung zurück.

 

Die ersten zehn, fünfzehn Jahre scheint die Entwicklung von Avanti eher in ruhigen Bahnen verlaufen zu sein. Jedenfalls habt ihr erst in den letzten Jahren euren Wirkungskreis südlich der Elbe ausweiten können. Wie kann man so lange mit dem Anspruch einer überregionalen Organisierung durchhalten?

 

H.: Am Anfang war unser Anspruch auf Schleswig-Holstein beschränkt. Uns ging es zunächst um lokale Verankerung, die Entwicklung eigener Ortsgruppen und deren überregionale Zusammenarbeit. Als wir vor einigen Jahren nach Hamburg gegangen sind, gab es im Vorfeld Befürchtungen, inwieweit so ein Szenemoloch nicht auch für internes Sprengmaterial bei Avanti sorgen könnte. Aus meiner Sicht haben sich diese Befürchtungen nicht bestätigt. Im Gegenteil. Durch den Sprung an die Elbe, unsere Präsenz in der Kampagne NS-Verherrlichung stoppen! und beim G8-Gipfel wurde Avanti jenseits von lokalen Ereignissen überhaupt erst wahrnehmbar.

 

Wie würdest du Avanti Leute beschreiben, die diesen klangvollen Namen noch nie gehört haben. In welchen Bereichen seid ihr aktiv und was zeichnet euch dabei aus?

 

F.: Avanti versteht sich als ein organisierter Teil der radikalen Linken. Wir sind weder Debattierzirkel noch aktionistisch. Antifaschismus und soziale Kämpfe sind die gesellschaftlichen Bereiche, in die wir seit unserer Gründung intervenieren. Aber wir haben auch an vielen antirassistischen, antimilitaristischen und internationalistischen Kampagnen teilgenommen. In jüngster Zeit gibt es wieder eine intensivere Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen, und wir sind stark an der Thematisierung der Klima-Frage aus einer radikal linken Perspektive beteiligt. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums wird auch eine Broschüre erscheinen - da lassen sich einige weitere Eindrücke aus unserer Geschichte mitnehmen. Die empfehle ich nachdrücklich.

 

Immer wieder, wenn von Avanti gesprochen wird, hört man die Bezeichnung "Antifa KP". Ärgert Euch das?

 

H.: "Antifa KP"? Das habe ich noch nie gehört. Aber ich schließe daraus, man redet in unserer Abwesenheit besser über uns als in unserer Anwesenheit.

 

Avanti trägt ja über die Jahre eine recht aufwendige Struktur mit sich herum. Was ist daran der große Vorteil?

 

E.: Unsere Struktur ermöglicht es, dass man nicht alles doppelt und dreifach diskutieren muss. In den überregionalen AGs können Impulse gesetzt und gemeinsam Positionen erarbeitet werden, die in die Ortsgruppen ausstrahlen. Das empfinde ich schon als Vorteil. Es kann auch besser strategisch diskutiert werden. Dafür fehlt in den Ortsgruppen oft die Zeit, weil sie mit ihrer alltäglichen Praxis genug zu tun haben. Daneben gibt es zweimal im Jahr die Vollversammlungen. Neben den politischen Diskussionen sind sie für mich auch ganz persönlich wichtig, weil ich da die Leute kennenlerne, mit denen ich organisiert bin - und ihren Musikgeschmack. Klar ist aber auch, dass durch die überregionale Arbeit die Diskussionen in den Ortsgruppen nicht ersetzt werden. Der Austausch in beide Richtungen ist viel Arbeit.

H.: Das alles ist für mich die Vorwegnahme politischer Relevanz. Die autonome Linke hat sich in ihren kulturellen Nischen und temporären Bündnissen eingerichtet. Deshalb hat sie es in den letzten Jahren nicht vermocht, sich damit auseinanderzusetzen, wie wir für Situationen politischer Zuspitzungen handlungsfähige Strukturen schaffen. In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Herausforderung und gleichzeitig die Probleme der Interventionistischen Linken, in der wir als überregionale Struktur noch einmal anders drinstecken als Gruppen, die aus einer lokalen Warte heraus die IL als Bündnisprojekt sehen.

 

Aber ist eine solche feste Struktur nicht auch ein ziemlicher Ballast, in Zeiten, wo soziale Beziehungen schneller und flüchtiger geworden sind und sich temporäre, projektbezogene Arbeitsweisen durchsetzen? Sind verbindliche, kontinuierliche Strukturen wie die von Avanti nicht ein Anachronismus im Zeitalter des Web 2.0?

 

H.: Ich glaube, Vertrauen und Verbindlichkeit und andere Elemente, die für eine politische Arbeit mit revolutionärem Anspruch wichtig sind, entwickeln sich nicht über einen Myspace-Account. Dafür muss man gemeinsame praktische Erfahrungen sammeln, zusammen an Projekten arbeiten und sich dabei kennenlernen. Das hat sich bei Avanti, finde ich, sehr bewährt.

E.: Man darf nicht vergessen, Avanti kommt nicht aus der Metropole, Avanti kommt aus der Provinz. Da sind Kontinuität und verlässliche Strukturen von großer Bedeutung, weil sie nicht so schnell neu entstehen. Deshalb werfen wir, nur weil es jetzt das Web 2.0 gibt, nicht unsere bewährten Strukturen über Bord. Falls ihr jetzt allerdings auf unsere Homepage abhebt: Da könnt ihr schon mal sehr gespannt sein auf einen schönen neuen Webauftritt bis Ende des Jahres.

 

Apropos Webauftritt: Der ist ja mit einer ganz besonderen Farbe hinterlegt: pastellgelb. Wie übrigens auch euer Grundsatzpapier. Uns hat schon immer interessiert: Wie ist Avanti auf die Farbe gelb gekommen?

 

H.: Damit sollte eine Unterscheidbarkeit von Avanti-Publikationen gegenüber allen anderen Szene-Publikationen hergestellt werden. In den ersten Jahren wurden deshalb auch alle Flugblätter auf gelbem Papier gedruckt. Es ging um Wiedererkennbarkeit. Wir wollten damals schon so etwas wie Corporate Identity, ausgedrückt mit dieser Farbe. Leider ist die Farbe nicht mit der Zeit gegangen. Oder anders gesagt: Wir wollten die gelbe Revolution, aber man hat sie uns nicht gegönnt.

 

Du sprachst vorhin von Vorwegnahme politischer Relevanz. "Die Frage des kontinuierlichen Aufbaus einer bundesweiten revolutionären Organisation" sei für euch "weniger eine theoretische oder langfristige, sondern vor allem eine praktische Aufgabe, die ganz aktuell auf der Tagesordnung steht", habt ihr vor einem Jahr in dem Papier "Intervention braucht Organisation" geschrieben (vgl. ak 530). Ich nehme mal an, daran hat sich nichts geändert.

 

H.: Die aktuelle Weltwirtschaftskrise und die politische Konstellation nach dem Regierungswechsel zeigen, dass es solcher Strukturen bedarf, um nicht nur durch einzelne Events punktuell präsent zu sein. Wir brauchen einen Akteur, der links von der Linkspartei die Systemfrage hörbar stellt. Diese Leerstelle kann und will Avanti nicht alleine ausfüllen. Wir wollen das Miteinander verschiedenster Akteure. Sie müssen aber eines gemeinsam haben: Sie müssen kollektiv handlungsfähig sein. Handlungsfähigkeit bemisst sich in dieser Frage an konkreter Interventionsfähigkeit in gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Dafür braucht es Strukturen, die tragfähig sind. Das ist eine prinzipielle Frage, um die sich ein großer Teil der radikalen Linken herumdrückt, weil es enormen Aufwand und viele Kilometer auf der Autobahn bedeutet und nicht den schnellen Ruhm vor Fernsehkameras. Das ist aber m.E. die Grundlage dafür, dass wir irgendwann regelmäßig vor die Kameras  kommen und Blockaden auf Autobahnen organisieren können.

 

Eine lebhafte Debatte um diese Fragen hat das Papier aber nicht ausgelöst.

 

H.: Wir sind die einsamen Rufer im Walde. Aber immerhin haben sich aufgrund dieses Papiers ein paar Leute in Berlin zusammengeschlossen und haben gesagt, das wollen wir jetzt auch. First we take Kreuzberg ...

E.: Mit dem Papier waren verschiedene Intentionen verbunden. Natürlich wollten wir damit Impulse setzen, aber es diente auch der Selbstvergewisserung. Die Gründung einer Avanti-Ortsgruppe in Berlin war ja erklärungsbedürftig, weil in Berlin bereits andere IL-Gruppen aktiv sind. Wir wollten zeigen, dass wir uns mit diesem Problem auseinandergesetzt haben.

 

Habt Ihr einen besonderen Wunsch zum Geburtstag? Es darf auch was Materielles sein. Wir dachten zum Beispiel, wir schenken euch eine Landkarte, damit ihr auch den Sprung in den Süden schafft.

 

H.: Materielle Dinge? Dann wünsch ich mir ne gute Geburtstagsparty!

F.: Ich wünsche uns, dass wir einen kleinen Beitrag dazu leisten können, dass sich Menschen nicht entmutigen lassen in ihrem Kampf für die Emanzipation aus Unterdrückung und Abhängigkeit.

E.: Ich würde mir wünschen, dass wir nicht so viele Geldprobleme haben. Es wäre so cool, noch mehr tolle Sachen machen zu können.

 

Gute Idee. Es muss ja auch nicht immer der Weltfrieden sein! Noch ein Schlusswort?

 

E.: Och, also man kann Kontakt mit uns aufnehmen. Besucht uns im Internet ...

H.: Besucht uns lieber nicht im Internet!

E.: Besucht uns Ende des Jahres.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


"Vertrauen und Verbindlichkeit, die für eine politische Arbeit mit revolutionärem Anspruch wichtig sind, entwickeln sich nicht über einen Myspace-Account. Dafür muss man gemeinsame praktische Erfahrungen sammeln."

"Avanti kommt nicht aus der Metropole, Avanti kommt aus der Provinz. Da sind Kontinuität und verlässliche Strukturen von großer Bedeutung, weil sie nicht so schnell neu entstehen."