Demonstration für die Alte Meierei in Kiel, 4.6.2005

Redebeitrag von AVANTI - Projekt undogmatische Linke

Hallo Kielerinnen und Kieler, liebe FreundInnen der Meierei!

Wir demonstrieren hier heute für den Erhalt der Alten Meierei und gegen die Schlichtheit von gewöhnlichem, verwaltungsrechtlichen Denken. Man könnte auch sagen, für ein anderes und ganz sicherlich auch ein besseres Leben.

Zwar geriet die Kieler HausbesetzerInnenbewegung im Jahre 1983 mit der polizeilichen Räumung der besetzten Häuser am Sophienblatt an ihr Ende, doch konnten der Kieler Stadtpolitik teilweise verrechtlichte Ausgleichsprojekte abgetrotzt werden. 1983 wurde die Alte Meierei als Wohnprojekt mit großem öffentlichen Veranstaltungsraum bezogen. Bei ordentlichem Mietvertrag, der die kulturelle Nutzung ausdrücklich mit einschloss, tolerierte die Kieler Stadtverwaltung 20 Jahre die unkonventionellen Formen selbstverwalteter, nichtkommerzieller Organisierung von Partys, Konzerten und Theateraufführungen.

Was hat die Meierei mit einem besseren Leben zu tun?

Selbstorganisierung, Selbstbestimmung und Solidarität sind Begriffe, die heute noch in dem heterogenen NutzerInnenkreis der Alten Meierei umhergeistern und die am ehesten die geschichtliche Kontinuität der Alten Meierei als soziales und politisches Projekt ausmachen. Immer wieder deutlich werden sie in der Art und Weise, in der sich die NutzerInnen und BesucherInnen der Alten Meierei den Raum aneignen und ausgestalten. Konkret heißt das, dass Menschen, die Anstrengungen unbezahlter Arbeit auf sich nehmen – beispielsweise ein Konzert veranstalten – und das als glücklich machende Tätigkeit begreifen:

Unabhängig davon, was in dieser von Wünschen, anderen gesellschaftlichen Vorstellungen und Spaß motivierten Arbeit auch an Nervereien, Pleiten, Pech und Pannen dazugehört, erlaubt sie doch eine aktive Aneignung des eigenen Lebens jenseits kapitalistischer Verwertungslogik.

Die Alte Meierei ist also nicht zuerst ein Raum für bestimmte musikalische Vorlieben, die bekanntlich eine Geschmackssache bleiben, sondern ein Ort der sozialen Phantasie, der über die beschissenen Verhältnisse hinausweist. Sie ist ein Widerspruch zur Unterwerfung aller menschlichen Lebens- und Genussmöglichkeiten unter die Anforderungen der Kapitalverwertung, der auf unsere noch nicht realisierten Träume und Wünsche verweist – und dieser Widerspruch wird nicht aus der Welt zu schaffen sein! Das ist eine mögliche Begründung, die hinter der Parole ‚Meierei bleibt!’ stehen kann, auch wenn andere diese Parole vielleicht ganz anders füllen werden.

Vergessen wir auch in der erneut zugespitzten Situation nicht, das knapp 200 Veranstaltungsorte, Bands, Betriebe, Initiativen und Personen aus Kunst und Kultur im Herbst 2003 die Rücknahme der Kündigungsdrohung und eine politische Bestandsgarantie für die Alte Meierei forderten. Und das nicht nur, weil die Alte Meierei ein Beitrag zur kulturellen Vielfalt und nach dem Abriss des musico-Gebäudes an der Hörn fast der letzte lokale Auftrittsort für unbekannte Bands ist, sondern mit einer umfassenderen politischen Begründung.

Damals schrieben sie – ich zitiere – „Wenn die Stadt Kiel der Alten Meierei auf kaltem, verwaltungsrechtlichem Wege ihren sozialen, kulturellen und politischen Inhalt rauben will, so lohnt es, sich dagegen zu wehren. Denn auch in den heutigen, von Privatisierung, Kommerzialisierung und sozialer Ausgrenzung geprägten Zeiten sind die solidarischen Prinzipien der Alten Meierei immer noch gesellschaftlich verallgemeinerungswürdig: Orte, an denen selbstorganisierte und für alle bezahlbare Kultur ohne jede Gewinnorientierung stattfinden können, sind gut und nicht schlecht!“.

Nur mit einem Bündnis auf dieser Basis werden wir die Angriffe auf die Meierei stoppen können, nur mit einem gemeinsamen Bezug aufeinander werden wir auch die mögliche Streichung der Fördergelder für andere Kulturprojekte wie die Hansastraße 48 oder die Pumpe bei der Haushaltsverteilung im Herbst diesen Jahres verhindern können.

Wir werden sehen, ob wir durch politischen Druck die in Prinzipienlosigkeit erfahrene Partei der Kosovo-Kriegs-Grünen dazu zwingen können, ihre verhältnismäßig positive Haltung zur Meierei in der Stadtpolitik in Anschlag zu bringen, wir werden sehen ob die CDU und die Verwaltung zu vernünftigen Verhandlungen zurückkehren werden.

Klar ist, dass nach der Lärmschutzauseinandersetzung des Jahres 2003 und nach den neu vorgetragenen verwaltungsrechtlichen Zumutungen ohne eine politische Bestandsgarantie jedes Entgegenkommen unsererseits vollständig irrational ist.

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass diese Demonstration alleine nicht ausreicht, eine Bestandsgarantie für die Meierei zu erkämpfen. Freuen wir uns doch schon heute auf einen anstrengenden, streitbaren und bewegten Sommer! Natürlich bietet die Kieler Woche günstige Gelegenheiten für unvorhergesehene und nicht angemeldete Proteste und Konzerte. Natürlich wird der erste Polizeieinsatz bei einem ordnungsrechtlich verbotenem Konzert nicht auf unsere Zustimmung, sondern auf unsere energische Ablehnung stoßen. Natürlich werden sich Leute finden, die nach einer etwaigen Versiegelung der Veranstaltungsräumlichkeiten der Alten Meierei diese in aller Selbstverständlichkeit und ohne irgendeinen Antrag wieder zugänglich machen werden.

Es ist unser voller Ernst: Unkonventionell lebt es sich besser! Alte Meierei bleibt!