14. - 17.10.2004: Europäisches Sozialforum, London

Radio FSK Hamburg:  93,0 UKW 101,4 Kabel

Sendereihe zum ESF in London

Nach der Erstsendung im FSK werden die einzelnen Sendungen auf dieser Seite als mp3 zum Download bereit gestellt.

Eine weitere Ausstrahlung im Offenen Kanal Lübeck ist in Vorbereitung

1. Sendung, 16.9.2004, 16.00-17.00 Uhr:
Europäisches Sozialforum und weitere Forumsformierungen
2. Sendung, 23.9.2004, 16.00-17.00:
Arbeit/Prekarisierung
3. Sendung, 27.9.2004, 14.00-16.00 Uhr:
Antisemitismus in der globalisierungskritischen Bewegung
FSK-Themenabend, 29.9.2004, 20.00-23.00 Uhr:
Europäisches Sozialforum – eine kritische Bestandsaufnahmen
Wiederholung im Offenen Kanal Lübeck (UKW 98,8 Mhz / Kabel 106,5 Mhz)
1.Teil: Dienstag, 12.10.2004 , 13 Uhr
2.Teil: Mittwoch, 13.10.2004, 13 Uhr
3.Teil: Donnerstag, 14.10.2004, 13 Uhr

Nach Florenz (2002) und Paris (2003) wird nun zum dritten Mal, dieses Jahr in London vom bis zum Oktober,  das europäische Sozialforum stattfinden. Als ProduzentInnen dieser Sendereihe haben wir an beiden bisherigen ESF teilgenommen und einen bescheidenen Anteil an der Vorbereitung einiger workshops gehabt. Wir möchten unsere Erfahrungen und Bewertungen nun im Rahmen dieser Reihe reflektieren und somit für die London-  Vorbereitung nutzbar machen.

Das Forum hat sich mittlerweile zu einer „Jahreshauptversammlung“ der sozialen Bewegung und ihrer Organisationen gemausert. Die ESF- Szenerie wird häufig als bunter Flickenteppich oder linker Jahrmarkt beschrieben, dieses Bild markiert sehr gut die Vielfalt von Positionen, die sich auf den Foren präsentieren und reiben. Das ESF ist vor allem dazu dienlich, sich über die Entwicklungen und Kämpfe in den europäischen Nachbarländern zu informieren, aber auch gemeinsame strategische Überlegungen anzustellen. Der europaweite Antikriegstag am 15. 2. letzten Jahres mit einer der bisher größten, gleichzeitigen und vernetzten Demo der Weltgeschichte geht auf eine solche Forumsinitiative zurück. Die diesjährigen europaweiten Demonstrationen gegen den Sozialabbau am 3.4. gehen ebenfalls auf eine ESF-Abstimmung zurück, wenngleich ihnen weniger meinungsbildender Erfolg beschieden war.

Die Foren und Seminare sind auch ein Wettbewerb der inhaltlichen Positionen und Organisationsmodelle: die verschiedensten Parteien, Gewerkschaften und Politsekten streiten um Einfluss und buhlen um Nachwuchs. So war in Paris bereits die aufdringliche Dominanz von teilweise professionellen und finanzstarken Organisationen spürbar. Folglich hatten dort bereits (vornehmlich junge) undogmatische Linksradikale ihr eigenes Alternativforum organisiert, um sich so von den „reformistischen und vereinnahmenden“ Umarmungen der Polit-Profis inhaltlich und räumlich abzugrenzen.

Dieser Flickenteppich wird allgemein widersprüchlich bewertet. Einerseits bietet die Heterogenität der politischen Positionen die Gelegenheit, sich umfassend und unabhängig, vor allem aber über den eigenen Tellerrand hinaus zu informieren und abzustimmen. Eine emanzipatorische Atmosphäre, die inhaltliche Differenzen erträgt und positiv bewertet kann sich so – zumindest theoretisch- entwickeln. Dem häufig vorherrschenden Bezug der Kämpfe auf den nationalen Rahmen und der leidigen Sektiererei kann eine solidarische und internationalistische Perspektive entgegen gesetzt werden.

Andererseits hat genau der offene Forumscharakter eine offene Flanke für Vereinnahmungen und Majorisierungsversuche –diese Tendenz scheint sich für London sogar noch zu verstärken. Doch die offene Struktur birgt einer weitere Gefahr: die Debatte droht stets in einer unstrukturierten und beliebigen Zufälligkeit zu zerfasern. Die Berliner Gruppe fels tadelte bereits in der Vergangenheit, dass es auf dem ESF nur vom Zufall bestimmt sei, wer mit wem über was und - vor allem - mit welchem Ergebnis diskutiere.

Mit unserer Sendereihe versuchen wir im Vorfeld des Londoner ESF etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Wir möchten über die Entstehungsgeschichte der Sozialforen informieren und einen Ausblick auf das diesjährige Programm in London wagen. Wir selbst werden uns dort auch dieses Jahr wieder einbringen, legen aber aufgrund unserer Erfahrungen Wert auf eine entsprechende Vorarbeit: Um sich für gewisse Debatten zu wappnen, aber auch um nicht desillusioniert zu werden. Für die Sendungen legen wir das Hauptgewicht auf die Frage, in wie weit das ESF der radikalen Linken die Chance eröffnet, sich zu artikulieren und koordinieren; wir wollen kritisch fragen, ob solch ein Forum der Rahmen ist, auf den wir uns beziehen sollten, oder ob die Forumsidee im Kern nur reformorientierte, eurochauvinistische und/ oder strukturell antisemitische Strömungen stärkt.

Wir möchten deshalb über eine rein übersichtsartige ESF- Revue hinaus schlaglichtartig zwei im europäischen Rahmen relevante Debatten vertiefen: Arbeit/Prekarität und Antisemitismus bzw. verkürzter Antikapitalismus. Abschließend sollen im Rahmen einer moderierten Studiodiskussion (der berüchtigte „fsk-themenabend“) die bis dato dargestellten Debatten anschaulich vertieft werden.

 

Sendetermin 16.9.2004, 16.00 - 17.00 Uhr

1. Sendung: Europäisches Sozialforum und weitere Forumsformierungen

In dieser ersten Sendung wollen wir einen Überblick über die Entstehungsgeschichte des WSF und ESF bieten. Die bisher relevanten Diskussionen und Spaltungslinien sollen nachgezeichnet werden. Wie ist diese Entwicklung insgesamt zu charakterisieren, handelt es sich um eine substanzlose „Forumsbewegung“ als Ersatz für die Mühen lokaler Kämpfe, eine vorübergehenden Blase zur identitären Selbstbebauchpinselung? Oder bieten diese Veranstaltungen den überfälligen Rahmen zur Neubestimmung einer radikalen Gesellschaftskritik? Welchen Stellenwert hat das ESF für die radikale Linke, die zahlenmäßig ja nur einen kleinen Teil der BesucherInnen ausmacht? Wohnt dem Forumsgedanken eine systemüberwindende Perspektive inne oder handelt es sich um einen rein reformistischen Debattierclub?

In Form von eigenen Beiträgen und Interviews mit Aktiven sollen diese Fragen beantwortet werden.

Natürlich werden im Rahmen der Sendung ebenfalls Informationen zum Programm in London gegeben - genauso wie Tipps für die Übernachtung und die Anreise.

Musikalische Sentenz: Hits mit Witz

Sendetermin: 23.9.2004 , 16.00 - 17.00 Uhr

2. Sendung: Arbeit/ Prekarisierung

Ende Juni 2004 fand in Dortmund der Kongress „Die Kosten rebellieren“ statt, dessen Haupthema ´Prekarisierung und Migration´ war. Hierzu wurde international diskutiert. Ausgehend davon fragen wir uns, was Prekarisierung für die Lohnabhängigen bedeutet, inwiefern deregulierte Beschäftigungsverhältnisse die Bedingungen des nach wie vor tobenden Klassenkampfes beeinflusst.

Fragmente des Kongresses fließen in die Sendung mit ein.

Prekarisierung als zunehmend unsicheres Lebensgefühl! Prekarisierung als Möglichkeit für eine flexiblere Lebensgestaltung? Prekarisierung - das Gespenst, dass jetzt plötzlich über uns kommt? - wohl kaum... Klar jedoch ist, dass das widersprüchliche Phänomen keine abstrakte Denkkategorie darstellt, sondern von den meisten Zuhörer/innen und Sendungsproduzent/innen selbst unmittelbare Erfahrung ist, sei es in mies bezahlten Aushilfstätigkeiten, prekären Studi-Jobs, sei es im Sozialbereich oder in der New Economy.

Die Sendung ist ein Versuch, verschiedene Aspekte von Prekarisierung einzufangen und darüber die Frage aufzuwerfen, wie der politische Widerstand dagegen organisiert werden kann. Eine Voraussetzung hierfür ist sicherlich der gegenseitige Austausch und die Vernetzung von Aktivist/innen; den Raum hierfür bietet das Europäische Sozialforum, hierauf möchten wir mit unserer Sendung aufmerksam machen.

Musikalische Sentenz: Protestsong I- III

 

Sendetermin: 27.9.2004, 14.00 - 16.00 Uhr

3. Sendung: Antisemitismus in der globalisierungskritischen Bewegung

Seit dem ESF in Paris im vergangenen Jahr, kam es vermehrt zu Debatten um Antisemitismus in der Bewegung. Die demonstrative Solidarität mit der Intifada oder die Ausladung israelfreundlicher Intellektueller sorgten für heftige Debatten. Im Fokus der Sendung soll die Entwicklung vom Begriff des (linken)- Antisemitismus stehen und die Überprüfung dessen axiomatischer Prämissen in Bezug auf die globalisierungs­kritische Bewegung.

Wir wollen uns in dieser Sendung mit den Grundlagen verkürzter Kapitalismuskritik und Grundzügen antisemitischer Denkfiguren beschäftigen. Anschließend möchten wir die globalisierungskritische Bewegung auf dieser Basis kritisch beleuchten. Im Fokus der Sendung soll die Entwicklung vom Begriff des (linken-) Antisemitismus stehen. Im Letzten Teil „Kapitulation vor der Komplexität?“ versuchen wir eine „Kritik der Kritik“ und widmen uns der Frage, welches praktische Vorgehen in bezug auf das ESF in London sich daraus ableiten lässt.

Musikalische Sentenz: Chanson „le bourgeois“ (in Esperanto)

 

Sendetermin: 29.9.2004, 20.00 - 23.00 Uhr

4. Sendung und Abschluss
Europäisches Sozialforum - eine kritische Bestandsaufnahme
(FSK-Themenabend)

Diskussion mit:
  • Miriam Edding (Publizistin/ Übersetzerin)
  • Berno Schuckart (Gewerkschaftslinke, Wahlalternative)  
  • Jan-Ole Arps (fels, Hamburg umsonst)
  • Wiedehopf  (AVANTI - Projekt undogmatische Linke)
  • N.N. (Redaktion 3, fsk)
  • Dirk Hauer (Regenbogen, Blauer Montag)

In seinem Beitrag „the people of genua“ hat Thomas Seibert (Redaktion fantômas/AK) eine zwar fragmentarische, aber dennoch beachtenswerte Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Linken in einer multipel verflochtenen, internationalisierten Weltwirtschaft und -gesellschaft vorgenommen. Resultat: Es geht wieder was.

Er richtet das Augenmerk besonders darauf, dass die „Bewegung der Bewegungen“  nach Genua -im Gegensatz zur traditionellen Arbeiterbewegung- den Internationalismus nicht mehr nur als Ziel, sondern bereits als sie konstituierende Bedingung verwirklicht habe. Trotz dieser strategisch günstigen Voraussetzung gelte es noch viele bedeutsame Fragen zu beantworten:

Wie können die Bewegungen die rassistischen und sexistischen Spaltungen unterlaufen, die gleichzeitig immer neue soziale Milieus voneinander abgrenzen und gegeneinander setzen? Wie können die Bewegungen ein globalisiertes und zugleich radikal vereinzeltes Alltagsleben zum Möglichkeitsspielraum ihrer Autonomie machen, ein Alltagsleben, das –wie wir im Rahmen der Sendereihe herausarbeiten werden- nicht nur in seiner Arbeits-, sondern auch in seiner Freizeit dem Kapitalkommando unterworfen ist? Wie können sich transnationale Massenmobilisierungen so mit einer autonomen lokalen Organisierung verschränken, dass sie von jedem Ort dieser Welt aus vom symbolischen zum materiellen Angriff auf die herrschende Weltordnung übergehen?

Im Rahmen dieser Sendung soll –anknüpfend an die von T. Seibert aufgeworfenen Fragen- mit Aktiven aus verschiedenen Bereichen der radikalen Linken diskutiert werden, ob die weltweiten, die lokalen und regionalen Sozialforen, aus gegebenem Anlass aber besonders das europäische Sozialforum den Raum öffnet, Antworten auf diese Fragen zu finden, zu erproben und auszutauschen. Hierzu sollen die in den vorangegangenen Sendungen vertieften Fragen und Konfliktlinien im Rahmen einer moderierten Studiodiskussion aufgegriffen werden.

 

Basistexte zur Vorbereitung:

  • Seibert, T.: „The people of Genova – Plädoyer für eine post-avantigardistische Linke“: BUKO: radikal global – Bausteine für eine internationalistische Linke
  • Roth, K.H.: Der Sozialkahlschlag: Perspektiven von oben – Gegenperspektiven von unten;  AK Nr. 482

Musikalische Sentenz: Tanz auf der Tenne, Kraftwerk, Nancy Sinatra & Lee Hazlewood