14. - 17.10.2004: Europäisches Sozialforum, London

Veranstaltungsberichte

Anti-dystopia and Euroradical Identities

Am Samstagabend hatten sich mit einiger Verspätung etwa 200-300 Menschen in der University of London Union eingefunden, um an dem vermeintlichem Höhepunkt des Theoriekomplexes Prekarität und Multitude in Form einer Podiumsveranstaltung mit Michael Hardt teilzunehmen.

Nach einer kurzen Einleitung durch Globale Rødder begann M. Hardt anhand der bevorstehenden Wahlen in den USA sein theoretisches Konzept der Multitude vorzustellen, ohne es jedoch inhaltlich zu unterfüttern. Dieses führte nach relativ kurzer Zeit zu der Erkenntnis, dass es mühselig erscheint, neue Strategien und praktische Ansatzpunkte für ein Konzept zu entwickeln, welches in sich schwammig, undifferenziert und erst einmal abstrakt wissenschaftlich bleibt, ohne eine Systemkritik zu formulieren. Denn vielmehr möchte der Multitude-Ansatz auf die Chancen hinweisen, welche sich durch die Zuspitzung von Verhältnissen, besonders bei prekarisierter Arbeit, ergeben.

Dabei versucht das Konzept der Vielfalt von Lebensrealitäten Rechnung zu tragen und arbeitet eher Unterschiede, denn Gemeinsamkeiten heraus, getreu dem Motto, die Gesamtheit ist die Summe der Individuen. Kategorien wie Klassenmerkmale werden dabei bewusst ausgeblendet. Als Bewertung bleibt sowohl für diese, wie auch für andere Veranstaltungen, die sich im Rahmen des Europäischen Sozialforums dem Themenkomplex Prekarität gewidmet haben, dass es sowohl BefürworterInnen, als auch GegnerInnen dieses Ansatzes aus den unterschiedlichsten Gründen gibt.

Wobei sich bei dem Autor dieses Berichtes mehr und mehr der Standpunkt durchsetzt, dass es vorerst um einen kritischen Umgang mit dem Multitude-Ansatz gehen muss -  und nicht um einen unreflektierten Hype um eine vermeintlich gute neue Theorie.

 

Reclaim the Commons

Obwohl von einigen Unwägbarkeiten, wie mangelnder technischer Ausrüstung begleitet, fand am Samstag Vormittag eine Veranstaltung zum Themenbereich „Reclaim the Commons“ statt, was wohl mit Rückeroberung öffentlicher Güter übersetzt werden könnte. Inhaltlich wurden hier vor allem drei Kampagnen vorgestellt.

Aus Dänemark (Globale Rødder) eine P2P-Filesharing-Kampagne, aus Schweden (Globalisation from below) die Kampagne „Freeride.now“ und aus Berlin (ACT!) die Kampagne „Berlin Umsonst“. Während es bei Globale Rødder darum geht, den Regelverstoß des Filesharing in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken und zu unterstützen, wird dieser Ansatz in Schweden bezüglich des Schwarzfahrens verfolgt, für welches sogar eine Art Versicherung eingerichtet wurde.

Im Kontrast dazu steht die „Berlin Umsonst“ Kampagne, welche sich nicht auf bestehende Regelverstöße bezieht, sondern versucht eigene Kristallisationspunkte zu schaffen. Hierdurch wurde auch noch einmal der Unterschied deutlich, welcher in Bezug auf die politische Praxis erwächst, wenn sich diese an dem Multitude-Konzept orientiert, was bei den Gruppen aus Schweden, respektive Dänemark der Fall ist.

So fundiert die Vorstellung der Kampagnen war, so schwach war auch der zweite Teil der Veranstaltung, in dem es schon daran kränkelte, den Begriff „Commons“ zu füllen und zu besetzen. Welche Art von „Commons“ es nun gibt, welche erstrebenswert sind und ob z.B. Wasser, Bildung oder Gesundheit auch dazu gehören, ließ sich nicht eindeutig klären. So waberte die Diskussion etwas nebulös daher und blieb einfach oft undifferenziert, inhaltlich unfundiert und wenig stringent. Wenigstens die visuellen Beiträge von ACT! zu „Berlin Umsonst“ am Ende bescherten einen versöhnlichen Ausgang der Veranstaltung.