Lübeck, 1.4.2006: Stellungnahme der AA-LG/UE

Keine Ausschreitungen in Ratzeburg

Stellungnahme der Antifaschistischen Aktion Lüneburg / Uelzen

Nach der Demonstration gegen den Naziaufmarsch am 1. April 2006 in Lübeck, berichteten verschiedene Medien über angebliche Ausschreitungen in einem Zug, der von Lübeck nach Lüneburg fuhr.

Der NDR berichtet auf seiner Homepage, dass laut Polizeiangaben knapp 100 Mitglieder der rechten und linken Szene in diesem Zug aufeinander trafen und die Auseinansetzungen auf dem Bahnhof in Ratzeburg weitergingen. Die Bundes- und Landespolizei hätte die Situation unter Kontrolle gebracht. Das Hamburger Abendblatt berichtete in diesem Zusammenhang von Krawallen. Nach Angaben einer Polizeisprecherin hätten Demonstranten zunächst in den Waggons randaliert und dann auf dem Bahnhof Polizeibeamte mit Steinen beworfen. Auch in der TAZ ist von Auseinandersetzungen im Zug die Rede, die die Polizei unterbunden hätte.

Auch Neonazis haben dieses Thema aufgegriffen. Die NPD Schleswig-Holstein berichtet auf ihrer Homepage über eine angebliche Massenschlägerei in Ratzeburg. Der Lüneburger Naziaktivist Hans-Gerd Wiechmann behauptete in einen Internet-Forum der NPD sogar, dass er und andere Neonazis in der Bahn von AntifaschistInnen angegriffen worden seien.

Da diese Situationsbeschreibungen in keinem Fall den wirklichen Vorgängen entsprechen, sieht sich die Antifaschistische Aktion Lüneburg / Uelzen - als direkt Beteiligte - gezwungen, dazu Stellung zu beziehen. Wobei wir ausdrücklich betonen, dass es weder irgendwelche "Auseinandersetzungen" oder "Krawall" gab, noch das Polizeibeamte angegriffen worden sind.

Die Situation stellte sich folgendermaßen dar: Nachdem die Neonazis ihren Aufmarsch beendet hatten, verließen sie Lübeck mit unterschiedlichen Zügen. Um 17.15 Uhr fuhren knapp 30 Neonazis mit der Regionalbahn Richtung Lüneburg ab. In dieser Reisegruppe befanden sich auch die Naziaktivisten Thomas Wulf, Adolf Dammann und Hans-Gerd Wiechmann. Wulf ist Bundessekretär der NPD und Dammann stellvertretender Landesvorsitzender der niedersächsischen NPD. Beide sind maßgebliche Führungskader der norddeutschen Nazistrukturen.
Die abreisenden Neonazis wurden nicht von der Polizei begleitet, um Fahrgäste vor möglichen Übergriffen zu schützen. Der Zug Richtung Lüneburg blieb bei Pogeez auf Grund eines technischen Defekts liegen. Sämtliche Fahrgäste verließen daraufhin den Zug und sollten mit dem folgenden Zug weiterfahren. Dieser Zug fuhr um 18.15 Uhr in Lübeck ab und in ihm befanden sich knapp 70 - vorwiegend jugendliche - AntifaschistInnen. Bevor der Zug außerplanmäßig in Pogeez hielt, bewaffneten sich die Neonazis mit Steinen und Holzknüppeln, die sie auch mit in den Zug nahmen. Da der Zug außerplanmäßig in Pogeez hielt, wurde nur die vorderste Tür geöffnet. Nachdem die AntifaschistInnen erkannten, wer dort einsteigen wollte und das die Neonazis sich bewaffnet hatten, räumten sie den ersten Waggon des Zuges. Als die ersten Neonazis in den Zug stiegen warfen sie Steine auf die AntifaschistInnen, die sich daraufhin in den hinteren Ausstiegsbereich des ersten Waggons begaben und die Tür versperrten. Die Neonazis stürmten auf die Tür zu und drohten mit ihren Holzknüppeln. Vor der Tür blieben sie dann aber stehen, da dahinter 10 AntifaschistInnen standen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich keine anderen Fahrgäste mehr im ersten Waggon. Der Zug fuhr dann ohne weitere Zwischenfälle bis Ratzeburg.
Zum Schutz hatten sich einige AntifaschistInnen vermummt und mit Schlagstöcken ausgerüstet. Um mögliche Angriffe der Neonazis abzuwehren, wurden zwei Feuerlöscher des Zuges präventiv in den Ausstiegsbereich des ersten Waggons gebracht.
Sämtliche Fahrgäste befanden sich im zweiten Waggon und sind wohlbehalten in Ratzeburg angekommen. Keiner der beiden Waggons wurde beschädigt.

In Ratzeburg weigerte sich der Fahrer der Zuges - aus uns verständlichen Gründen - weiterzufahren und rief die Polizei. Nach und nach trafen Polizeibeamte ein. Zunächst zwei Hundeführer mit ihren Tieren. Ein Hund biss einen unbeteiligten Passanten. Nachdem ungefähr 15 Beamte vor Ort waren, bestiegen sie den Zug und stellen sich zwischen die beiden Gruppen. Nach ungefähr einer halben Stunde begannen weitere Polizeibeamte damit, die Personalien der Neonazis aufzunehmen und die AntifaschistInnen und anderen Fahrgäste aus dem Zug zu führen. Nachdem die Personalien der Neonazis aufgenommen waren, konnten sie und einige Zugreisende weiterfahren. Ein Großteil der AntifaschistInnen musste auf dem Bahnsteig bleiben und es begann eine Personenkontrolle. Ungefähr die Hälfte der AntifaschistInnen wurde dabei gefilmt.
Als sich der nächste Zug Richtung Lüneburg ankündigte, brach die Polizei ihre Maßnahme ab und die AntifaschistInnen konnten mit dem Zug weiterfahren.

Vor Büchen wurde dieser Zug gestoppt und konnte nicht in den Bahnhof einfahren, da die Neonazis dort ihren Zug verlassen hatten. Erst als die Neonazis den Bahnhof verlassen hatten, ließ die anwesende Polizei den Zug einfahren und einige Fahrgäste aussteigen. Der Zug endete in Lüneburg, wo mittlerweile auch einige Polizeibeamte zusammen gezogen worden waren. Alle AntifaschistInnen konnten dann problemlos ihren restlichen Heimweg antreten.

Auf Grund der falschen Berichterstattung und da nicht ausgeschlossen werden kann, dass Ermittlungsverfahren gegen die AntifaschistInnen eingeleitet werden, sehen wir uns zu dieser Richtigstellung veranlasst.

In Ratzeburg gab es keinerlei Auseinandersetzungen. Weder eine Massenschlägerei noch Steinwürfe fanden dort statt. Durch das besonnene Verhalten der AntifaschistInnen konnten Auseinandersetzungen mit den Neonazis verhindert werden. Da Fahrgäste im Zug akut gefährdet waren, ließen sich die AntifaschistInnen auf die Provokationen der Neonazis nicht ein und beantworteten den Angriff nicht.

Wir appellieren an die Medien, Verlautbarungen der Polizei zu hinterfragen und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Sollte die Polizei in diesem Fall von Randale und Steinwürfen gesprochen haben, so ist dies schlichtweg ein Lüge oder ein schlechter Aprilscherz.

Für Rückfragen stehen wir zur Verfügung: aa.lg-ue@gmx.net

 

Lüneburg, 6. April 2006
Antifaschistische Aktion Lüneburg / Uelzen