Hamburg, 4. September 2004: Rechtsrock abschalten!

Redebeitrag von AVANTI auf der antifaschistischen Kundgebung:

Rechtsrock abschalten !

Wir demonstrieren heute gegen einen erneuten Aufmarsch norddeutscher Neonazis. Ihr Motto ist diesmal „Musikfreiheit ist Meinungsfreiheit“, klares Ziel der Demonstration war es für den Anmelder Christian Worch, eine Grundsatzentscheidung bezüglich des Auftritts der Rechtsrock-Band „Oidoxie“ herbeizuführen. Rechtsrock ist immer noch ein bereich, in dem Neonazis staatliche Repression begegnet, sie müssen Konzerte teilweise klandestin organisieren, Besucher über geheime Schleusungspunkte hinlotsen und dann doch fürchten, dass ihre Veranstaltungen von der Polizei aufgelöst werden. Auch wenn diese Versteckspiel einen gewissen Reiz haben kann, ist es doch ein wichtiges politisches Ziel der Nazis, einen legalen Rahmen für Rechtsrock zu schaffen. Denn es sind nicht nur die ideologisch gefestigten Kader, die bei den Konzerten mal entspannen wollen: Rechtsrock ist ein wichtiger Mobilisierungsfaktor für Jugendliche, die über die scheinbar unpolitische Musikkultur Zugang zu rechten Inhalten und Organisationen finden.  

Antifakundgebung in Hamburg-Winterhude 4.9.2004Obwohl der Rechtsrock seinen Ursprung in der Skinheadszene hat, hat er den engen Spielraum dieser Subkultur längst verlassen.

Schon seit Mitte der 90er Jahre erweitert sich der musikalische Rahmen vom Rechtsrock erheblich. Ob Rock, Dark Wave, Gothic oder auch Techno, in fast jeder Musikrichtung gibt rechte Musiker die Versuchen ihre Musik mit  rechten Texten und rechten Lifestyle zu füllen. Die Musik ist beim Rechtsrock mittlerweile Geschmackssache, über die nicht diskutiert werden muß. Solange die Inhalte nur stimmen, wird fast alles toleriert.

Und auch im Klamottenstyle verlassen die Nazis mehr und mehr das typische Skinhead oder Scheitelnazi Outfit. Es existieren eigene Klamottenmarken, die stylische Klamotten herstellen, aber über Codes noch eindeutige rechte Aussagen haben. Und auch Piercings, gefärbte Haare oder auch Mal ein Irokesenschnitt werden nicht mehr als Zeckenoutfit abgelehnt, sondern finden immer mehr Befürworter in der Szene. Abgerundet wird dieser Lifestyle noch durch neonazistische Magazine, die meist von Leuten aus der Szene für die Szene gemacht werden und über aktuelle und auch theoretische Themen schreiben. Durch diese Faktoren ist es den Nazis gelungen, mit dem Rechtsrock ein Lifestyleangebot zu machen, das durchaus Interessant für junge Menschen sein kann. Das rechts sein, findet nicht mehr in irgendwelchen Hinterzimmern bei langweiligen Kameradschaftsabenden statt. Dieser rechte Lifestyle bietet viele Anknüpfungsmöglichkeiten für junge Menschen, so das eine Identifizierung mit einer rechten Lebenseinstellung viel leichter möglich gemacht wird. Und das ist auch ein sehr wichtiger Vorteil für die Nazis. Über so ein Identitätsangebot gelingt es ihnen, viel mehr Personen und ganz andere Spektren zu erreichen und für ihre menschenverachtende Propaganda zugänglich zu machen als  zuvor.

Das beste Beispiel hierfür ist die Naziband Landser. Erstmal sind es keine Skinheads und sie verbinden Rockmusik, mit  eindeutigen neonazistischen Texten, die aber auch ein gewissen Sprachwitz haben. Landser  CDs wurden illegal in Deutschland vertrieben. Landsermusik ist das beste Beispiel dafür, das Rechtsrock teilweise sogar über die rechte Szene hinaus verbreitet wird und Anklang findet. Auf Deutschlands Schulhöfen sind die Landser CDs durchaus bei den Jugendlichen bekannt, nicht unbedingt wegen ihrer rechten Gesinnung, sondern weil sie auch ein Rock’n’Roll- und Rebellenimage pflegen, das viele Jugendliche witzig finden, auch wenn sie sich selbst nicht als explizit rechts bezeichnen. Sie hören rechtsextreme Bands wie Landser, deren Texte und Einstellung so ein Einfallstor bilden können für politische Meinungsbildung. Dieses Beispiel zeigt auf, warum Rechtsrock so eine ungeheure Verbreitung in fast alle Musikspektren findet.

Neben seiner Funktion als Multiplikator für rechte Inhalte spielt Rechsrock-Musik auch eine große finanzielle Rolle in der rechten Szene. Mit Labels, Mailorder-Versänden und teilweise illegalen Vertrieben werden ungeheure summen umgeschlagen, die teilweise direkt zurück in die politischen Projekte der Nazis fließen, so dass Rechtsrock-Musik auch einen Teil zur Refinanzierung der Naziszene beiträgt.

Christian WorchDie heutige Demonstration ist ein weiterer Versuch von Christian Worch, eine Rechtsrock-Band eingebettet in den legalen Rahmen einer Demonstration auftreten zu lassen. Als der auftritt der Naziband Oidoxie in erster Instanz verboten wurde, hat Worch angekündigt, bis zum Bundesverfassungsgericht ziehen zu wollen, um endlich ein klares Urteil in Sachen Rechtsrock zu bekommen, auf das er sich dann immer wieder berufen kann. In der Vergangenheit waren mehrmals derartige Auftritte gerichtlich verboten worden. Oidoxie kommt aus Dortmund, hat sich 1995 gegründet und pflegt ein offen neonazistisches Image. Auf einer der in der Naziszene berühmten Videodokumentationen mit dem Namen „Kriegsberichter“ singen Oidoxie ein Lied mit Titel „Hißt die rote Fahne mit dem Hakenkreuz“. Die Band verortet sich an einer Schnittstelle zwischen Musik-Subkultur und organisierten neonazistischen Strukturen. Die Mitglieder sind den sogenannten Freien Kameradschaften zuzuordnen, sie sind bundesweit bekannt und beliebt. Zweimal bereits sind sie auf Demos des Spektrums aufgetreten, unter anderem in Leipzig, 1500 Nazis, angemeldet von Christian Worch und unter massivem Polizeischutz.

Für Worch selbst sind Oidoxie attraktiv, weil sie ihm Sympathien und anhänger über die gerade aktuellen Spaltungen der Szene hinaus verschaffen, die Musik ist ein einigendes Element und Mittel, mehr und andere Leute für Demonstrationen zu gewinnen.

Wir demonstrieren heute, um deutlich zu machen, dass auch Rechtsrock keine Meinung ist, sondern ein Verbrechen. Offene NS-Verherrlichung ist auch verpackt in punkige Musik nicht zu tolerieren, und der erneute Versuch der Nazis, sich als Opfer staatlicher Repression darzustellen, muß entlarvt werden. Um dem etwas entgegenzusetzen, machen wir heute hier diese Kundgebung.

Kein Fußbreit und keine Note den Faschisten!

Rechtsrock abschalten!